Der 12. Juni

Wie es der Zufall manchmal so will. Genau heute vor drei Jahren machte ich mich auf die Welt zu Fuß zu umrunden. Also erst einmal heißt es wieder „Happy birthday rico’s long walk!“

An jenem Tag verabschiedete ich mich von vielen guten Freunden. Und heute ist mein letzter Tag im Kakurinbo und das Team schmiss eine Abschiedsfete in einem Karaoke-Schuppen für mich. Wieder hieß es, zu vielen Leuten, die mir ans Herz gewachsen sind, Auf Wiedersehen zu sagen. Das tut immer ein Stück weh.

Ich bedanke mich für diese großartige Zeit. Danke Japan! Danke Yamanashi! Danke Minobusan! Danke Kakurinbo! Danke Junko und Clive! Danke liebes Kakurinbo-Team! Danke an alle Gäste! Danke an alle guten Bekanntschaften! Danke für das viele Lachen und ein paar Tränen!

Ich komme wieder!

 

Born To Be Wild

Zufall oder Fügung? Entscheide ich mich oder wird über mich entschieden? Ich denke „Sowohl als auch“. Oft stellt sich mir die Frage nach meiner Route. Biege ich links oder rechts ab? Welche Route verspricht den meisten Komfort und bessere Infrastruktur, die ruhigere Straße, die schönere Landschaft, die besseren Geschichten und Fotos? Ich entscheide! Richtig sicher kann ich mir aber nie sein. Gehe ich rechts, dann verpasse ich alles, was links neben mir liegt und gehe ich links, verpasse ich all das, was rechts neben mir liegt. Ich kann nicht alles sehen und erleben aber darum geht es mir auf meiner Reise auch nicht. Ich laufe einfach. Ich lauf und lauf und lauf und denke nicht darüber nach, was ich verpasst haben könnte. Lieber verbleibe ich im Moment, sauge Ort und Augenblick in mich ein und weiß, dass es die richtige Entscheidung war. Und auch wenn es manchmal richtig hart ist, ich an einem Berg fast verzweifle, die Dunkelheit anbricht und ich noch keinen geeigneten Platz für mein Zelt gefunden habe, das Wasser vielleicht knapp wird oder was auch immer noch so schief gehen kann… Ich bereue die Entscheidung ob rechts oder links nicht. Ich wachse an allen Hürden.

Eine Sache liegt aber nicht in meiner Hand. Zufall oder Fügung? Es sind die Menschen denen ich begegne. Sie halten neben mir auf der Straße und reichen mir eine Flasche Wasser, Cola oder einen Kaffee, Kekse oder Schokolade. Sie laden mich in ihre Häuser ein, machen mir Abendessen und Frühstück. Oder einfach nur die Frage, ob ich Hilfe brauche. Viele Gespräche die über das gewöhnliche „Wo kommst du her und wo willst du hin?“ hinausgehen. Es kommt auch mal vor, dass sie mir Geld in die Hand drücken und sagen „Hier! Kauf dir da drüben was zu essen.“. Alle diese wundervollen Gesten der Offenheit und Großzügigkeit… Es berührt jedes Mal mein Herz.

Was mir aber immer noch nicht so in den Kopf will, das sind so diese verschiedenen Extreme. Und ich rede nicht vom Wetter. Da ziehe ich diesen Karren hinter mir her, eine Kiste, in der alles Überlebenswichtige enthalten ist. Ein sehr minimalistisches Leben welches viel entbehrt. Man reduziert sich auf Grundbedürfnisse. Essen, Trinken, Schlafplatz und Hygiene. Dann komme ich in eine große Stadt, gönne mir einen Burger. Ich habe einen Gastgeber der mich durch die Straßen führt. Ich lerne seinen Freundeskreis kennen und finde mich kurz darauf in einer Diskothek wieder. Laute Musik… Ich brauch ein Bier. Bald darauf gehe ich wieder meinen Weg allein. Mein ganzes Equipment leidet unter Sonne, Hitze, Kälte und Feuchtigkeit. Die Kleidung zerschlissen sehe ich aus wie der letzte Penner. Arme Bauern bieten mir einen Schlafplatz an. Das Abendessen besteht aus Reis und gekochten Blättern. Und vorgestern stand ich in einem 15.000 Euro (!) teurem Kimono auf einer Gartenparty bei Bratwurst mit Senf, Kartoffel- und Heringssalat, Schweinebraten und und und in der Deutschen Botschaft in Tokio. Ich tanze zu alten Rock-Klassikern und der Gedanke kommt in mir hoch „Fuck! Das ist alles so wirr. Was passiert hier eigentlich? Gestern so, heute so und morgen stehe ich wieder mit meinem Karren auf der Straße und mühe mich durch die schwüle Hitze Südostasiens. Boah!“ Und ich merke, ganz gleich wo ich mich in dieser Welt aufhalte, sie beeindruckt mich immer wieder. Sie bietet mir immer wieder etwas Neues, etwas absolut Unerwartetes. Ich möchte keine dieser Erfahrungen missen. Dieser ganze Kontrast prägt mich und meine Reise.

In einer Zeile des Liedes BORN TO BE WILD heißt es „Take the world in a love embrace” oder zu Deutsch “Nimm die Welt mit einer liebevollen Umarmung“. Den Satz merke ich mir. Und am Ende ist wohl alles Fügung.

 

BDF Gartenfest

BDF Gartenfest
Hier im Kakurinbo machte ich Bekanntschaft mit dem Gesandten der Botschaft in Tokio, Dr. Stephan Grabherr und seiner Frau Malena. Zwei Personen mit so sympathischer Erscheinung, so dass sie bei uns in Minobusan immer wieder herzlich willkommen sind. Ich sprach sie auf das Gartenfest in der deutschen Botschaft an, von welchem ich gelesen hatte. Prompt hieß es „Wir können dich gerne einladen. Und überzeuge gleich noch Junko, dass sie mitkommt.“ Auch, wenn ich es nicht so gezeigt habe, so war ich voll perplex und aufgeregt und Junko war zu Beginn voll hibbelig. Das war nicht nur eine Einladung zu einer kleinen Party. Nein, das war auch eine sehr persönliche Einladung zu ihnen nach Hause. Wir fühlten uns sehr geehrt. Solch eine Gelegenheit bekommt man nicht alle Tage.
Für mich war die größte Frage „Was ziehe ich an?“ Ich kann unmöglich in meinen kurzen Hosen da aufkreuzen. Gott sei Dank ist Junkos Mann recht groß für einen Japaner und ich bekam einen Kimono geliehen. Sündhaft teuer aber eben aus purer Seide. Wir mussten extra zu einem Kimonogeschäft fahren um uns ordentlich in den Stoff einpacken zu lassen. Das bekommt man allein – und besonders ich ohne Erfahrung – nicht hin. Ich denke, das Resultat konnte sich sehen lassen.
Unterwegs sammelten wir noch Junkos zweiten Sohn ein und bald darauf standen wir vor dem Botschaftsgelände. Ausweise vorzeigen und ab durch breit vergitterte Tore, schon öffnete uns Malena die Tür zur Wohnung. Stephan führte uns ein wenig durch den Garten bevor es dann zur eigentlichen Feier ging.
Der Fond für bedürftige Deutsche in Japan (BDF)unterstützt Deutsche, die sich in Japan dauerhaft niedergelassen haben und in wirtschaftliche Not geraten. Das kann durch Krankheit passieren, durch Tod der Eltern, also Waisenkinder, Scheidung oder (Natur-)Katastrophen (wenn nach Fukushima deine Produktionsstädte im verseuchten Sperrgebiet liegt). Interessant, dass es für solche Fälle Hilfsangebote. Diese werden von deutschen in Japan agierenden Unternehmen und von privater Hand in Form von Spenden unterstützt. Alljährlich findet so in der Residenz des deutschen Botschafters eine Wohltätigkeitsveranstaltung des BDFs satt.
Ein bunt durchmischtes Volk von Deutschen und Japanern versammelte sich zu Bratwürsten mit Senf, Schweinebraten, Heringssalat, Laugengebäck und natürlich Bier. Viele Visitenkarten wurden getauscht. Vom Anwalt über Ingenieure, Manager, Historiker, Diplomaten und eben Weltenbummler, versammelte sich ein kleiner Ausschnitt der deutschen Gesellschaft. Besonders zur späteren Stunde, als die Tanzbeine geschwungen wurden, war die Stimmung recht ausgelassen.

Es war ein wundervoller Ausblick in eine etwas andere Welt und dafür möchte ich mich bei euch, Stephan und Malena nochmals, und natürlich auch im Namen von Junko und Seko, ganz herzlich bedanken!

 

Kuon-ji

Mindestens einmal in der Woche mache ich mich 5 Uhr morgens auf um der Morgenzeremonie im Tempel Kuon-ji beizuwohnen. Es ist der Haupttempel der Nichiren-shū, einer buddhistischen Schule (Strömung), die auf den Lehren des Mönchs Nichiren beruht.

Als ich das erste Mal die Zeremonie besuchte, da hatte es schon etwas von Gänsehautstimmung. Ein Mönch stimmt eine Art Ruf an und die anderen Mönche antworten darauf. Riesige Trommeln werden mit aller Kraft geschlagen. Die Vibrationen dringen bis in den Magen. Ein Mantra wird dabei ständig rezitiert „Namu Myōhō Renge Kyō“, was so viel bedeutet wie „Ich suche Zuflucht im vollendeten Gesetz des Lotus (Symbol für Ursache und Wirkung) in den [buddhistischen] Schriften.

Ganz und gar nicht so spirituell ist aber der Weg zum Tempel. Vom Kakurinbo geht man erst einmal den ganzen Weg ins Dorf hinunter, nur um dann knapp 300 große Stufen den Berg wieder hinauf zu klettern. Das ist jedes Mal ein gutes Work Out welches einen ins Schwitzen bringt.

 

 

Filmen im Tempel ist leider verboten aber von einem Audiomitschnitt hat niemand etwas gesagt. Hier könnt ihr also einen Teil der allmorgendlichen Zeremonie anhören:

 

Berg Minobu

Heute hatte ich endlich die Gelegenheit den Hausberg zu erklimmen. Bei besten Wetter hatte ich einen wunderbaren Blick über das Tal und auf den Fuji Yama.

 

Japanische Essgewohnheiten

Nein, Japaner ernähren sich nicht nur von rohem Fisch, Reis und Ramen-Suppen. Der Speiseplan ist wirklich sehr vielfältig und so gibt es hier viel zu entdecken. Zuerst muss ich aber sagen, dass die Japaner viel Zucker verwenden. Man denkt immer, die japanische Küche sei so gesund aber alles schmeckt sehr süßlich. Das fängt beim Rührei am Morgen an. Tofu wird gern in Zuckerwasser eingelegt. Das Gleiche passiert mit Kartoffeln und Gemüse. Anfangs schmeckt es wirklich gut aber dann hat man es auch irgendwann schnell wieder satt. Aber wehe, ich süße mir meinen Tee. Dann gucken mich irritierte Gesichter an. Und wenn ich, anstatt meine Nudeln in Sojasauce zu tauchen, lieber Ketschup draufhaue – Studentenküche eben – dann gucken sie schon etwas ungläubig. Was in Japan auch gar nicht geht ist rohes Wurzelgemüse. Rohe Zwiebel, Karotte oder Rettich empfinden sie hier einfach nur als ekelhaft. Da es unter der Erde wächst, ist es für sie schmutzig und muss vorher gekocht werden.

Ein paar Spezialitäten landeten schon auf meinem Teller. Da gab es zum Beispiel Mushi-Pizza. Mushi ist Reiskuchen, obwohl es das Wort „Kuchen“ nicht verdient. Vielmehr ist es eine hochviskose, klebrige Reispampe mit Nori-Blättern und Käse oben drauf. Nicht übel. Vielmehr überraschte mich rohes Pferdefleisch. In feine Streifen geschnitten war das wirklich super. Man sagte mir, dass auch rohes Hühnerfleisch sehr beliebt sei. Da muss dann aber wirklich die Hygiene stimmen.

Natto sind fermentierte Sojabohnen. Wenn man diese umrührt, ziehen sie lange schleimige Fäden. Der Industriekram schmeckt echt mies aber es gibt hier immer wieder frisch hausgemachtes Natto und das ist mit etwas Sojasauce, Frühlingszwiebel und Sesam richtig gut. Macht aber auch viel Wind im Gesäß.

Dann haben wir da noch Yuba. Dies wird gewonnen, indem man Sojamilch erhitz und die Haut, die sich auf der Oberfläche bildet, dann abschöpft. Muss aber auch frisch sein.

 

 

Mal schauen, was die nächsten Monate kulinarisch noch so bringen werden. Ich lass es euch auf jeden Fall wissen.

In Japan angekommen

Da ist er, der Fuji Yama. Wahrhaftig liegt er nun vor mir und ich bin ergriffen von seiner Schönheit. Immer wieder sagte ich den Leuten hier in Minobu, dass es sich noch nicht so richtig wie Japan anfühlt. Es ist ehr wie ein Traum, den ich noch nicht so richtig fasse. Erst, wenn ich diesen Berg mit meinen eigenen Augen sehe, dann kann ich sagen „Ich bin in Japan angekommen.“ Und nun bin ich in Japan angekommen.

 

DANKE