Acht im Rad

Weiter ging es von Rânca ins Tal hinab. Der Tag zuvor steckt mir noch voll in den Knochen und erkältet bin ich nun auch noch. Auf zelten hatte ich überhaupt keine Lust und so suchte ich mir nochmals eine Pension. In Novaci suchte ich eine ganze Weile etwas passenden und bezahlbares. Irgendwo muss ich mit einen meiner Reifen in eine Rille gekommen sein und dann eine Wende versucht haben. Die Wende hat auch geklappt doch habe ich mir dabei eine riesige Acht in die Felge gehauen. Oh mannnnnnnnn!!!!! Meine Schussligkeit hatte mich gleich wieder zur Verzweiflung gebracht aber einer der polnischen Motobiker hat mich wirklich excellent bei der Reparatur unterstützt. Allein hätte ich das nicht wieder so gerade bekommen.

In der Pension war auch noch eine russische Radreisegruppe. Die waren wirklich ganz gut drauf nur wunderte ich mich, dass die (ernsthaft) drei Mal am Abend gekocht hatten. Natürlich hatte die mich zu jeder Mahlzeit eingeladen und es war wirklich viel. Einer von ihnen meinte „Wenn du auf Russen triffst, dann heißt das zu versuchen zu überleben. Einfach weil bei Russen für Gäste immer gut aufgetischt wird.“ Dann wird Russland definitiv irgendwann auch mal auf meiner To-Do-Liste stehen.

 

Transalpina

Ich hatte mich nun doch für die Transalpina und den 2145m-Pass entschieden. Es war echt hart und wie man sieht, war die Aussicht überragend. Nebel und Nieselregen machten mir nicht gerade Freude. Do ober wurde es recht kühl und wenn man dazu noch schwitz, ist Schnupfen praktisch vorprogrammiert. Ich wollte nur noch etwas Warmes essen und Gott sei Dank kam dieser Bretterverschlag, aus dem es auch schon kräftig rauchte. Als ich so in die Töpfe schaute musste ich echt ein Gesicht ziehen. Innereien sind ja gar nicht ein Geschmack aber „Was soll?“ dachte ich mir. Rein damit in den leeren Magen und… na ja… ging so.

Oben, noch vor dem Pass standen die Souvenirshops im dichten Grau. Ich legte nochmal eine Pause ein und wärmte mich mit heißen Tee auf. Es half alles nix. Irgendwann ging es nur noch bergab und langsam begann es dunkel zu werden. Kein Land, kein rettendes Ufer war in Sicht. Der Nebel versperrte weiterhin sämtliche Sicht. Ich hatte keinerlei Orientierung und konnte nichts voraussehen. Nur noch eine heiße Dusche und ein Bett, das war mein großer Wunsch. Ja und irgendwann tauchte ein kleines Dorf namens Rânca mit vielen Pensionen durch das Grau. Meine Rettung.

 

 

Hochzeitsglocken

In dem kleinen Ort Băuțar fragte ich wieder einmal für ein Platz zum Zelten und das klappte wie so oft problemlos. Der alte Mann gab mir jedoch zu verstehen, dass ich mein Zelt später aufbauen solle. Seine Nichte heirate und ich solle ihn und seine Frau mit in die Kirche begleiten.

Ja war ganz klasse der ganzen Zeremonie beizuwohnen. In der orthodoxen Kirche läuft das… wie soll ich sagen… einfach… ach keine Ahnung wie ich es sagen soll. Es war auf jeden Fall mal was anderes. Was aber auffiel war das viele Sichbekreuzigen. das ging hintereinander weg. Vom Rest der Sause hab ich auch nichts mitbekommen, denn die war in einem anderen Ort.

 

Lugoj

Am frühen Abend des 06.08.2015 passierte ich die Grenze zu Rumänien und suchte in dem kleinen Ort Turnu einen Platz für die Nacht. Zwei Jungen verwiesen mich auf ein verlassenes Grundstück am Rande der Gemeinde. Hinter dem leerstehenden Haus war ich nicht gleich für jeden sichtbar. Also ein guter Platz um mein Zelt aufzuschlagen. Die Nachbarn beider Seiten erspähten mich schnell. Ich fragte die Dame zur rechten Seite nach einer Duschmöglichkeit. Schwupps… wurde mir der Wasserschlauch über den Zaun gehalten. Nach dem heißen Tag war das genau das Richtige. Nach der Erfrischung wurde ich von ihr auch gleich noch mit Tomaten, Zwiebeln und Speck versorgt. Das hatte die andere Frau gegenüber gesehen und sah sich wohl auch gleich verpflichtet mir ebenfalls etwas zu bringen. Abwinken mit dem Argument, dass ich das nicht alles essen kann und daher schlecht wird, half nichts. Ich habe mich super gefreut aber es ist wirklich schade um das ganze Zeug gewesen. In der Sommerhitze hält sich das einfach nicht.

 

 

Am nächsten Morgen stand ich gegen 8 Uhr auf der Straße als plötzlich ein Wagen neben mir hielt. Dann ging das Fenster kurz runter und mir wurde ein Kaffee gereicht. Großartig… einfach großartig. Diese Erfahrung hatte ich schon einige Male gemacht und bin immer wieder von der Spontanität und Hilfsbereitschaft begeistert. Besonders, wenn man in der Sommerhitze eine kalte Flasche Wasser gebracht bekommt ist das grandios.

In Rumänien sind die Straßen teils nicht gerade im besten Zustand. Einmal wusste ich auch nicht, ob ich von der Haupstraße abgekommen bin oder sie einfach nur in Feldweg übergegangen ist. Ich beschloss über die Stadt Lugoj zu gehen. Irgendwie dachte ich mir: „Den Namen hast du irgendwo schon mal gelesen. Aber wo nur?“ Und ja, ich habe den Namen schon zigmal gelesen, nämlich wenn ich nach Jena hineingefahren bin. Das wurde mir aber erst klar als ich die Stadtgrenze erreichte. 😀 Es ist eine Partnerstadt Jenas.

Wieder hatte ich einen Couchsurfing-Kontakt. Simonya hieß mich willkommen und zeigte mir ein wenig die Stadt. Ich war auch zum richtigen Zeitpunkt in der Stadt, denn ein Folklore-Festival stand vor der Tür. Ein großer Umzug mit vielen bunten Trachten, besonders aus Osteuropa und Rumänien selbst. Wie es sich gehört für solch ein Fest darf natürlich auch Grillgut nicht fehlen. Eine wunderbare Gelegenheit, mich durch die rumänische Küche zu probieren.

Es waren wundervolle Tage in Lugosch und bei dir Simonya und deinen Eltern möchte ich mich für die erlebnisreichen Tage bedanken.

Jetzt sitze ich schon wieder über der Karte und plane. Die einfachste und kürzeste Route wäre wirklich von Lugoj aus in Richtung Süden (Drobeta-Turnu Severin, Serbische Grenze) und dann nach Craiova. Würde einen Pass von 540m bedeuten und das wäre es schon gewesen.
Ich denke aber ich entscheide mich für die landschaftlich wesentlich attraktivere Route durch die Berge. Caransebes – Hateg – Petrosani – Golotreni. Heißt dann jedoch ein Umweg von vielleicht einer Woche und mehrere Pässe von mehr als 1500m Höhe. Wenn ich richtig abbiege dann sogar 2145m. Ach ich hasse mich jetzt schon für diese Entscheidung, wenn ich an meinen fetten Karren denke, den ich hinter mir herziehen muss. Ach was solls?

 

 

 

Und hier habe ich es noch in die Lugojer Lokalpresse geschafft

 

 

Letzter Abend in Ungarn

Da ich noch einige Forint in der Tasche hatte, lief ich in Mezökovacshaza einen Campingplatz an. Er war sehr klein und außer mir war nur noch ein älteres Dortmunder Pärchen da. Inge und Karl Heinz (auch Carlos genannt), 63 Jahre verheiratet und immer noch glücklich.  Der übliche Smalltalk fand statt und alles war nett und friedlich. Ich lang schon gegen 20:30 Uhr in meinem Zelt zum Schlafen. Gegen 23:30 Uhr kam Inge zu meinem Zelt >> Hallo! Hallo! Können Sie mal bitte kommen? Mit meinem Mann stimmt etwas nicht. << Da läuteten mir schon die Alarmglocken. Ich kroch aus meinem Zelt und ging in die kleine Ferienwohnung und da lag ihr Mann, das Gesicht bibbernd verzogen und die Linke Seite des Körpers war gelähmt. Mist, Schlaganfall!  Gleich zur Pforte gerannt und der Nachtwache pantomimisch in zehn Sekunden klar gemacht was los ist und der rief den Arzt der zügig eintraf. Na ja es ist nur zu hoffen, dass er das ganze überlebt hat und nochmal vernünftig auf die Beine kommt. Immerhin war das nächstgelegene Krankenhaus 30km entfernt. Die ganze Sache hat schon etwas zugesetzt und mich nicht schlecht schlafen lassen aber das ist wohl im Gegensatz zu Carlos‘ Zustand das kleinere Übel.

Artgenossen

Hab auf meinem Weg ein paar Artgenossen getroffen. Erst einen Franzosen aus Strasbourg, der per Anhalter auf dem Weg nach Istanbul ist, sich aber für die Strecke Wien – Budapest fix ein Fahrrad gekauft hat. Bald darauf fuhren zwei Ukrainer an mir vorbei aber denen war wohl ein Stopp für einen kleinen Plausch zu viel. Ein paar Tage später stieß ich auf einen Polen der von Griechenland nach Budapest wollte. Auch hübsch. Geil war aber der Spanier den ich eines Morgens vor einer Bäckerei traf. Der war schon wieder auf dem Rückweg seiner Tour Spanien – Australien – Spanien. Krasser Typ. Zweieinhalb Jahre sei er dafür unterwegs und nützliche Tipps habe ich auch von ihm erhalten, besonders was das Reisen im Iran, Indonesien oder Myanmar angeht.

Ich bin einfach nur froh, dass ich nicht der einzige Verrückte auf dieser Welt bin!

 

 

Auf der Suche nach einem Nachtlager stieß ich auf ein Sommercamp einer katholischen Jugendgruppe. Warum nicht einfach dazugesellen? Na ja der alte Priester war etwas mürrisch und wies mir einen Platz auf der anderen Straßenseite vor der Kirche zu. Ein paar Meter vor alten Grabsteinen mein Zelt aufzuschlagen war auch für mich neu. Gut aber, dass der alte Priester nicht die Messe gehalten hat. Stattdessen war es ein junger, indischer Priester der die Meute gut unterhalten hat. Ich habe zwar kein Wort verstanden aber der war voll bei der Sache und hat mich mit seinem starken Leuchten in den Augen auch mich mitgerissen. Die Hauptbotschaft, so wurde mir mitgeteilt, war „Sei niemals ein leeres Ei“ aber um das jetzt weiter auszuführen… keine Zeit. Toll war aber, als er zum Schluss die Gitarre in die Hand nahm und den alten Ronan Keating-Hit „When You Say Nothing At All“ sang. GRANDIOS ;‘-)

Dann war noch Fußball angesagt. Keine Ahnung woher ich an diesem Tag noch die Kraft dafür nahm aber zwei Tore gingen auf mein Konto. 😉

Großes Dankeschön aber an Mihály, der mir den Dolmetscher gemacht hat, mich „betreute“ und so den Abend richtig gelingen ließ.

 

Die Puszta

Die Puszta ist eigentlich eine Steppenlandschaft, würde sie vom Menschen nicht kultiviert werden. Weite Ebenen erstrecken sich oft bis zum Horizont. Die Ungarn scherzen schon, es so so flach, dass man die Erdkrümmung erkennen könne. Hier ist alles etwas ursprünglicher, rauer, auch ärmer. Das merkt man auch den Menschen an aber der Gastfreundschaft mangelt es deshalb nicht.

Bevor ich nach Ungarn gekommen bin, hatte ich ein paar Couchsurfing-Anfragen für den Norden des Landes gestellt. Ohne Erfolg doch wie es der Zufall manchmal so will, lief ich heute aus der kleinen Stadt Tiszakecske hinaus zur Fähre und zehn Minuten später hielt ein kleiner Van und es schrie nur noch „You are the chouchsurfer!“ Verdutzt drehte ich mich um und sah zwei Typen in der Karre. Es war Benyeczkó, den ich unter anderem bei Couchsurfing angefragt hatte, der gerade auf Besuch hier bei ein paar Freunden war und sich an mich erinnerte. Es wurde geplaudert und als ich auf die Frage, ob ich schon einen Schlafplatz für die Nacht hätte, verneinen musste, wurde ich prompt von seinem Kumpel ins private Lager eingeladen.

Grillparty war angesagt (Mannnn ist der Speck hier gut) und dann kamen noch zwei Reiter vorbei die gleich mal angehalten wurden. Es war ein toller Abend am Lagerfeuer und heute Morgen wurde ich dann auch zur Fähre gebracht. Eigentlich ist es eine Autofähre aber da die Tisza, zu Deutsch Theiß, gerade Niedrigwasser führt, war es nur ein kleines Boot. Gerade groß genug für meinen Karren. Na ja, alles bestens sage ich euch.